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Das Thunder and Lightning Bandphoto

„Kannst du unser Bandphoto für das neue Album machen?“ Schwierige Frage. Bisher hatte ich zumeist Modelle vor der Kamera die still hielten. Entweder weil es sich um Landschaften oder aber um Stadtszenen handelte, die ja per Definition eher immobil sind. Natürlich habe ich auch das eine oder andere Bild von Verwandten, Freunden, einer Party, Konzert oder meiner Tochter gemacht. Aber ich ziehe die entschleunigte Fotografie in der Natur deutlich der angespannt wuseligen Atmosphäre vor, die in mir entsteht, wenn ich Menschen dirigieren muss, damit (gepaart mit meinem begrenzten Wissen) daraus ein gutes Bild entsteht.

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Ja, das will ich gern versuchen, aber von Können kann keine Rede sein. Und überhaupt, wie fotografiert man eigentlich so ein Metal-Quintett? Die kurze Recherche im Internet offenbart mir: Die meisten zeigen sich gern schwarz gekleidet, haarig, ledrig und kantig. Das Licht ist hart genau wie die Blicke und Mienen der Modelle. Also irgendwie eine Mischung aus Neanderthaler, Conan der Barbar und dem Blick der Eltern, wenn man als Kind etwas ausgefressen hatte. Könnte eine Herausforderung werden.

Und so stehe ich Sonntag Nachmittag im Proberaum der berliner Powermetal-Band Thunder and Lightning. Alles ist wie ich es erwartet hatte. Es ist kalt. Die großen Ritualkerzen tauchen die düsteren Räume in ein nur spärliches Licht. In einem verschlissenen Ledersessel lümmelt gelangweilt der Sänger Diddy und grunzt als Begrüßung wie ein Tier in dessen Revier man nur geduldet ist, während sein Zigarettenqualm langsam durch den Raum wabert. Drummer Steve und Gitarrist Marc sind in einem Gespräch über den letzten Song des Albums vertieft. Bassist Robert und Gitarrist Benny fachsimpeln über Dinge, von denen ich noch nie gehört habe.

Erstmal Kuchen, dann METAL

Und dann gibt es erstmal Kaffe und selbstgebackenen Kuchen in der hellen und freundlichen Teeküche. Der große iMac mit den gefühlt 400 Tonspuren wird links liegen gelassen und wir quasseln darüber, dass so ein klassisches Metal Cover (haarig, ledrig und kantig, siehe oben) ja nun mal absolut gar nicht zu den Jungs passen würde. Also baue ich, durch reichlich Blutzucker beschwingt, meine Fotoausrüstung auf.

Den Holzpaletten im Hintergrund plane ich durch zwei Blitze mit Farbfolien einen rötlichen Schein zu geben, der gleichzeitig als Haarlicht dienen soll. Von vorn sorgt ein 120cm Durchlichtschirm für eine gleichmäßige Ausleuchtung, des Sofas, auf dem die fünf Bandmitglieder Platz finden sollen. Da auch mein Platz begrenzt ist, setze ich auf mein Tamron 15-30mm f/2.8 Objektiv um alle auf das Bild und genug Tiefenschärfe zu erhalten. Die drei Blitze werden von einem Yongnuo Funkfernauslöser direkt auf meiner Kamera gesteuert und ausgelöst und die Bilder landen per USB direkt in Lightroom auf meinem Surface, damit man einen ersten Eindruck sofort erhält. Der erste Versuch? Ein Fehlschlag:

Das lässige Bandfoto…langweilig

Das Bild passt so gar nicht. Ich schaffe es nur mit Mühe jedes Bandmitglied einzeln zu einer „Pose“ zu dirigieren und von den Gesichtszügen brauchen wir gar nicht erst anzufangen. Das ist ja als wenn man versucht einem Sack Flöhe Kunsstücke beizubringen… Auch technisch läuft nicht alles rund. Mittendrin verweigern die Funkempfänger ihren Dienst und meine Streiflichter zeigen mir den Mittelfinger. Sie lassen sich par tout nicht mehr zum Auslösen überreden. Also wird umdisponiert. Ich wähle einen engeren Bildausschnitt und eine leicht erhöhte Position, um bei ~16mm Brennweite und Ultraweitwinkeleffekt die Gesichter etwas verformt darzustellen. Mit der kurzen, Anweisung: „Köpfe zusammen und unglaublich ernst aussehen“ erreiche ich genau was ich will: Jeder einzelne schneidet eine Grimasse! Herrlich vorhersehbar …

Das Grimassen-Bandfoto…schon besser

Zum Abschluss wollen wir eigentlich nur noch ein kleines, lustiges „Making Of“-Foto für Instagram, Facebook und Co schießen. Irgendwer schlug vor sich dafür gegenseitig brüllend an die Gurgel zu gehen. Der Auslöser klackert zweimal und schon nach wenigen Sekunden wird klar, dass wir soeben das gesuchte Bandfoto geschossen haben. Tzzz, Metalfans. Gurgeln und brüllen, dit könn se!

Das offizielle The ages will turn Bandfoto

Die Nachbearbeitung in Photoshop war technisch auch kein Geniestreich. Ein wenig Pickel, Kuchenbrösel, Flecken und störende Bildelemente retuschieren, die Näschen abpudern und mit dem Farblook des restlichen CD-Booklets (orange-rot-braun, erdig) abgleichen. Ordentlich für den Druck scharfzeichnen und fertig ist mein erstes Gruppenbild im Studio, verewigt mit dem The ages will turn Release! Klasse Gefühl!

Was hätte ich besser machen können? Na so ziemlich alles. Das mir die Technik versagte war peinlich (und ich weiß bis heute nicht warum) und dass ich die Jungs nicht ordentlich dirigieren konnte lag an fehlender Erfahrung. Aber Spass hat es gemacht und das ist die Hauptsache!

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